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Buchtipp: "Imperiale Lebensweise"

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"Imperiale Lebensweise". Bild: NASA

Buchtipp: „Imperiale Lebensweise“

Buchtipp: Imperiale Lebensweise

Der entspannte August ist ein „Lesemonat“, auch für das Team der Ökokiste. Deshalb haben wir uns interessante Neuerscheinungen vorgenommen, die wir in den nächsten Wochen im Blog vorstellen. Das Spektrum reicht vom Sachbuch zu brisanten umweltpolitischen Themen bis zu schönen Kochbüchern, die Lust auf Kochen, Backen und Genießen machen. Den Anfang machen wir mit „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen:

Die globalen Voraussetzungen des westlichen Lebensstandards

Vor dem Hintergrund der aktuellen Fluchtbewegungen, die unter anderem auf gesellschaftliche Krisen, Verarmung, Kriege und Naturzerstörung im globalen Süden zurückzuführen sind, entwickeln die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen den Begriff „imperiale Lebensweise“, um die weltweite sozial-ökologische Krisensituation in ihrer Komplexität zu erklären. Ihr Anliegen ist es, die großen strukturellen Zusammenhänge ebenso sichtbar zu machen wie unser alltägliches Handeln, in dem sie zur Wirkung kommen. Gerade die Dinge des täglichen Lebens, z.B. billige Lebensmittel, jederzeit verfügbare Automobilität und Flugreisen, die im globalen Norden selbstverständlich unseren Lebensstil prägen, verschärfen die sozial-ökologischen Krisen im globalen Süden. Denn der Wohlstand auf der einen Seite bedingt billige Arbeitskraft und Rohstoffe sowie die Möglichkeit, Müll und Emissionen andernorts zu „entsorgen“, auf der anderen. So lange ein Großteil der Bevölkerung der südlichen Hemisphäre Ressourcen unterproportional verbraucht, können die hoch industrialisierten Länder überproportional auf Natur und Arbeitskraft zugreifen. Das bedeutet zugleich, dass der globale Süden auf seine Rohstoffe und die daraus gefertigten Produkte zugunsten des globalen Nordens verzichten muss. Brand und Wissen beschreiben dieses Phänomen der „Externalisierung“ deshalb als Grundlage der imperialen Lebensweise. Die aufstrebenden Schwellenländer Asiens und Südamerikas, deren Ober- und Mittelschichten an der imperialen Lebensweise teilhaben wollen, bringen jedoch diesen Zusammenhang ins Wanken, was zu „ökoimperialen Spannungen“ und einer rasanten Zunahme der Naturzerstörung führt. Auch die derzeitigen Migrationsbewegungen lassen sich mit unserer imperialen Lebensweise erklären, die als äußerste Errungenschaft menschlicher Zivilisation weltweit propagiert wird, weil sie Sicherheit und ein gutes Leben verspricht. – aber nur einem kleinen Teil der Menschheit. Abschottung und Konkurrenzkämpfe um Rohstoffe sind daher die Reaktionen des globalen Nordens auf den Wunsch nach Teilhabe an Frieden und Reichtum, mit denen er seine Exklusivität und den Status quo zu sichern versucht. Eine Folge davon sehen die Autoren in der Zunahme von nationalkonservativen bis hin zu antidemokratischen und rassistischen Gruppierungen, die sich dieser Logik bedienen. Doch dieser umfassenden sozial-ökologischen Krise ist mit den bisherigen Mitteln der Krisenbewältigung, die auf der Bewahrung der kapitalistischen Grundstruktur beruhen, nicht mehr beizukommen.

Paradox: Mit der Sorge um die Klimaerwärmung steigt der Verbrauch fossiler Energien

Markus Wissen und Matthias Brand sezieren im ersten Kapitel ihres Buchs die aktuelle politische Situation, die von der Paradoxie geprägt ist, dass einerseits noch nie so viel über Umweltschutz gesprochen wurde und andererseits die Umweltverschmutzung immer weiter zunimmt. Der wachsenden Sorge um die Klimaerwärmung steht somit der zunehmende Absatz größerer Autos mit höherem Verbrauch von fossilen Rohstoffen gegenüber. Aber auch die Lösungsansätze sind Teil der Paradoxie, wie Brand und Wissen einleuchtend argumentieren. So wurde das von internationalen Umweltpolitiker/innen angestrebte Konzept der „Nachhaltigkeit“ nach der Wirtschaftskrise zum stumpfen Schwert, weil es der wirtschaftlichen Entwicklung den Vorrang vor ökologischen Maßnahmen einräumt. Auch das Folgekonzept der „Transformation“ setzt fortschrittsorientiert auf eine ökologische Modernisierung, die vom selbstregulierenden Markt vorangetrieben werden soll. Das grundlegende Problem der imperialen Lebensweise eines exklusiven Teils der Weltbevölkerung wird dabei außer Acht gelassen und durch diese Politik sogar weiter stabilisiert: Der ungebremste Neo-Extraktivismus, d.h. der Rohstoffabbau sowie die Überbeanspruchung der CO2-Senken im globalen Süden beruhen auf einer kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensweise, die wiederum „Ausbeutung von Mensch und Natur“ – so der Untertitel des Werks – zum Prinzip hat.

Die enge Verknüpfung unseres Alltagshandelns mit politischen Strukturen

Doch den Kern der imperialen Lebensweise bildet gelebte Alltag, in den die beschriebenen Strukturen der Ungleichheit eingelassen sind. Damit haben die Autoren unter Rückgriff auf progressive kultursoziologische Theorien ein starkes Analysewerkzeug entwickelt, mit dem sie überzeugend erklären können, warum sich diese Strukturen, die wir abstrakt als ungerecht und zerstörerisch empfinden, dennoch so schwer ändern lassen. Denn die „Standards des ‚guten’ und ‚richtigen’ Lebens, das ja vielfach aus der imperialen Lebensweise besteht, werden im Alltag geprägt, auch wenn sie dabei Teil umfassender gesellschaftlicher Verhältnisse und insbesondere von materiellen und sozialen Infrastrukturen sind“ (S.45). Wenn wir täglich selbstverständlich Lebensmittel, Kleidung oder Unterhaltungselektronik kostengünstig konsumieren, automobil sind oder Pflegeleistungen in Anspruch nehmen, reproduzieren wir die Strukturen, die uns diese Selbstverständlichkeiten erlauben, weil sie auf Ungleichbehandlungen beruhen. So ermöglichen erst Landnahmen und Massentierhaltung, die Verlagerung ganzen Produktionssparten in Länder mit prekären Arbeitsschutz- und Lohnstandards oder das Delegieren von un(ter)bezahlten Pflegeleistungen an Frauen den gewohnten westlichen Lebensstandard. Dabei handelt es sich nicht um einzelne, rationale Konsumentscheidungen, sondern um einen umfassenden Lebensstil, der in der Wahrnehmung der Umwelt, im Zusammenleben, im gesellschaftlichen Status bis hin zur Identität zum Tragen kommt. Im Kapitel zur historischen Entwicklung der imperialen Lebensweise können Brand und Wissen in einem Parforceritt durch fünf Jahrhunderte zeigen, dass es sich dabei nicht um ein neues, oberflächliches oder gar flüchtiges Phänomen handelt, sondern um ein, seit der ersten Kolonialisierungsphase im 16. Jahrhundert gewachsenes, tief verankertes System.

An unserer Automobilität zeigt sich die imperiale Lebensweise besonders eindringlich

Besonders eindringlich gelingt den Autoren die Beschreibung der imperialen Lebensweise am Beispiel der „imperialen Automobilität“ im sechsten Kapitel: Autos stehen hierzulande für die individuelle Freiheit, sich jederzeit überallhin bewegen zu können. Dagegen stehen die Verbrennung versiegender fossiler Energien, der Raubbau an begrenzten Eisenerz- und weiterer Rohstoffvorkommen im globalen Süden für die Autoproduktion, die Luftverschmutzung und Klimaerwärmung, die Versiegelung wertvollen Bodens für den Ausbau der nötigen Infrastruktur, die Einschränkung des Bewegungsraums in den Städten für Fußgänger/innen, spielende Kinder, alte oder aus diversen Gründen langsame Verkehrsteilnehmer/innen und deren gesundheitliche Gefährdung. Die weiteren Konsequenzen daraus ließen sich noch lange fortführen. Dennoch wird an der Automobilität strukturell festgehalten, etwa wenn aktuell auf Elektroautomobilität gesetzt wird, ohne deren (ähnliche)Voraussetzungen zu benennen. Dadurch wird ersichtlich, dass Alternativen dazu nicht einmal denkbar sind. Angesichts der aktuellen „Dieselkrise“ ist dieses Kapitel von besonderer Brisanz und die Argumentation der Autoren erhellt die weniger bekannten Hintergründe der bekannten Debatte

Wege aus der Krise?

In den beiden letzten Kapiteln sprechen die beiden Politologen über Lösungsansätze: Zunächst über die „grüne Ökonomie“ als zweifelhaften und abschließend über „solidarische Lebensweisen“ als wünschenswerten Weg aus der beschriebenen Krise. Die eingangs dargelegte These, dass eine ökologische Wende des Kapitalismus dessen zerstörerische Kräfte nicht zähmen kann (und will), buchstabieren sie nochmals anhand des Ansatzes von Konzepten der „green economy“ aus, die sie als Fortsetzung des Kapitalismus mit grünen Mitteln beschreiben und deshalb zu dem Schluss kommen: „Ein wichtiger Schlüssel zur Überwindung zerstörerischer Naturverhältnisse liegt im Abbau sozialer Herrschaft“ (S. 164). Ihre vorgestellten Alternativen dazu fallen vergleichsweise unkonkret und manchmal unschlüssig aus. Einzelne Beispiele von Urban Gardening, Transition Towns oder Formen des ökologischen Landbaus benennen sie zwar als widerständige Praktiken, empirisch fundierte Beschreibungen von exemplarischen alternativen “solidarischen Lebensweisen“ bleiben die Politologen ihren Leser/innen allerdings schuldig.

Das Buch ist insgesamt sehr lesenswert und erkenntnisreich. Brand und Wissen haben es geschafft, ein so komplexes Phänomen auf weniger als 200 Seiten nachvollziehbar darzustellen. Vor allem mit dem Begriff „imperiale Lebensweise“ ist ihnen ein gutes Analysekonzept gelungen. Denn es ist der dafür geeignet, die Verbundenheit von Alltagshandeln und politischen Strukturen zu beschreiben, ohne den moralischen Zeigefinder zu heben. Die Gratwanderung zwischen dem dosierten Einsatz politologischen Fachjargons und einer verständlichen Beschreibung für ein breiteres Publikum jenseits des akademischen Diskurses meistern sie weitgehend. Vor allem sensibilisieren sie ihre Leser/innen für die nicht selbstverständlichen Bedingungen unseres selbstverständlichen Alltags.

„Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ von Ulrich Brand und Markus Wissen ist im Juli 2017 im oekom Verlag erschienen.  

mb, Bilder: NASA Goddard Space Flight Center Image by Reto Stöckl [Public domain], via Wikimedia Commons; (c) oekom Verlag, München.

12.08.2017
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